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Du bist schuld am schlechten Fernsehen!

Eine Fernbedienung

Einfach mal abschalten – der Weg zum besseren Fernsehen?

Nein, nicht wirklich du. Eher die Gesamtheit der Fernsehseherinnen und -seher. Wieso? Das erfährst du in diesem Artikel.

Das Problem mit dem »schlechten Fernsehen« ist, dass die Möglichkeit zur kritischen Anteilnahme der Bürgerinnen und Bürger bei der Entwicklung der ersten Sendeanstalten zu totalitären Medienhäusern verloren gegangen ist oder vergessen wurde. Der »Leserbrief« oder die kritische E-Mail als Relikte eines aufmerksamen Zuschauers haben keinen Platz mehr im minutengenauen Kalkül der Programmdirektorinnen und -direktoren. Und dies zeigt das Dilemma der heutigen Fernsehproduktionen: Seitdem die Unterhaltungsindustrie proaktiv geworden ist und Erwartungen der Menschen bevor sie eintreffen schon auf die glänzende Fläche im Wohnzimmer projiziert, ist das Publikum ins Hintertreffen geraten: Es werden Welten und Dinge konstruiert und »begehrt« gemacht, Wünsche werden von Werbedesignerinnen und -designern ausgetüftelt, Programmdirektorinnen und -direktoren geben uns die gewohnt-gewünschte Dosis Scham, Trauer, Empathie, Glückseligkeit. Wie sollen wir denn in all dem Trouble noch unsere wahren Wünsche erkennen? Und was, wenn diese schon erfüllt sind?


Über die Autorin bzw. den Autor
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Christoph Bauer
PLUS.Punkt-Chefredakteur

Thou shalt be an alert and discriminating media consumer

Wie kann also der Moment des Konsums zu einem kritischen werden? Zu allererst ist der Vergleich mit der Realität zu erwähnen: Ist die Darstellung naturgetreu? Oder weicht sie aufgrund bestimmter Gründe von der naturgetreuen Darstellung ab? Oder versucht sie nur naturgetreu zu wirken? Besonders in den zur Zeit dominierenden sozialen Real-Life-Soaps wird eine künstlich dramatisierte Aufwertung von realen Szenen angestrebt, welche mit Kameraeinstellungen, Schnitt und weiterer Nachbearbeitung »aufgepeppt« werden, um die Zuschauerinnen und Zuschauer im Bann zu halten. Man erzeugt so einen Effekt der Hyperrealität, der einerseits eine Distanzierung (»ist doch nur Fernsehen«) zulässt, und andererseits die drei Arten des Mitfühlens erst ermöglicht:

Die drei Arten von Mitgefühl

Empathie ist dabei die neutralste Form – man bemitleidet die geplagte Mutter bei Super Nanny weil man selbst die Probleme mit den Kindern (wenn auch in entschärfter Form) kennt. Man fühlt mit. Eine zweite Form des Mitfühlens wäre die Verehrung/Selbstprojektion – diese Karte wird oftmals bei Casting-Shows gespielt: Das bürgerliche Mädchen aus der armen Familie wird durch allerlei Technik und Schminke zum funkelnden Superstar – Software sorgt dafür dass auch die musikalische Performance passt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sehen sich selber in dieser Rolle, auf dieser Bühne stehend, mit den künstlich-kreischenden Fans vor sich. Man projeziert sich selber in die Situation und verehrt den der wirklich in der Situation steckt. Die dritte Form des Mitfühlens ist das ganze Gegenteil der Verehrung – es ist die negative Distanzierung (»schau dir die mal an!«), das Fingerzeigen, die Suche nach dem »Schlechteren«. Wiederrum greifen Reality-Soaps sehr stark auf dieses Motiv zurück – hier werden die krassesten Exempel gescheiterter Persönlichkeiten auf einem Serviertablett geliefert, fertig produziert zum Auslachen und sich selber auf die Schulter klopfen – es gibt immer noch welche denen es schlechter geht.

Finde den Off-Button!

Ein Fernseher ohne Bild

Wie hängt dies mit der kritischen Anteilnahme der Nutzerinnen und Nutzer zusammen? Ganz einfach, diese Kombination aus Interaktions- und Identifikationsmöglichkeiten, das Spiel mit Scham, Häme und Projektion, beschäftigt uns so sehr, betäubt unsere Sinne, befriedigt uns bis wir die Klappe halten. Die große Aufgabe der Zuschauerinnen und Zuschauer besteht also nicht mehr darin Leserbriefe zu schreiben wenn z.B. die Literatur, wie Herr Reich-Ranicki vor kurzem attestierte, im Programm zu kurz kommt – sie besteht darin erstmal aufzuwachen, die eigene Disposition zu überprüfen und vor allem: Den Off-Button zu finden. Denn die einzigen Mittel die in unserer schrankenlosen Kapitalfreiheit helfen können, sind die, die sich direkt auf die Einschaltquoten und somit auf die Gehälter Verantwortlicher auswirken. Huxley hat Recht, wenn er in der »schönen neuen Welt« von der »Verdunkelung von Rationalität durch ein Zuviel an oberflächlicher Unterhaltung und ein Zuwenig an Distanz zu ihr« spricht. Die Frage ist, ob es Lichtquellen gibt die so stark leuchten, dass sie diese Dunkelheit, diese partizipatorische Ohnmacht, brechen können – und ob diese eingesetzt werden, oder in einem noch dunkleren Keller verschwinden. Direkt neben der Maschine die aus Wasser Treibstoff macht. Aus ökonomischen Gründen. Natürlich.

Kommentare

  1. ausknopf finden

    vor acht jahren, als es da mal eine flut mit melodischer musik untermalter schmerztrauriger nachrichten auf allen sendern gab und nichtwahl einfach nicht möglich war, hab ich den ausknopf gefunden und gemeint: SO! die kriegen keine einschaltquote mehr von mir!!!
    die vorstellung, dass im sender ein ganzer eigener bildschirm darauf verwandt wird, die heilige einschaltquote ins studio zu leuchten, auf der meinetwegen die zahl 8.576.231 steht und GENAU im moment meines ausschaltens hinten aus der 1 eine 0 wird, gab meinem gedachten schlachtruf sinn.
    tjaaa, da diese quote aber nur aus dem fernsehverhalten einiger 100 ausgewählter (>repräsentativer<) zuschauer extrahiert wird, wie ich neuerdings weiß, ist mir jetzt auch erst die naivität des >einfach mal den off-butten drücken< klargeworden.
    die information des ausschaltens erreicht den sender schlicht und einfach nicht. daher weiß er auch nicht wieviele den kram eigendlich wirklich gucken oder nicht und vonwegen gehälter und programm überdenken und so…ohne reaktion keine reaktion.


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