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Österreicherinnen gebären zu wenige Kinder. Dieses vermeintliche Faktum muss eine so national wie sozialistisch (wenn auch nicht im Marx’schen Sinne) eingestellte zehnfache Mutter einfach erschüttern. Die FPÖ-Landesrätin Barbara Rosenkranz machte aus der Not eine Tugend und ihrer Erschütterung Luft.
In ihrem Erstling »MenschInnen. Gender Mainstreaming – Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen« versucht sie, die Österreicherinnen und Österreicher aufzurütteln: Das Abendland steht vor dem Untergang, denn eine sinistre Verschwörung aus alten Marxisten, nicht ganz so alten Feministinnen und dem entfesselten Großkapital hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zweigeschlechtlichkeit auszurotten. Das Mittel: der EU-Beschluss über die sogenannten Barcelona-Ziele, der Gender Mainstreaming als Grundprämisse für die Arbeit der europäischen und nationalen Organe festschreibt.
Aber gut, »nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind«. Unter Mitwirkung ihrer Tochter Edda Viernstein (herausragende Eigenschaft: »junge Mutter«), des ehemaligen RFS-Mandatars Gernot Schandl (»Arbeitseifer und hohe Kreativität, eine seltene Kombination«) und des im Nebenberuf als FPÖ-Pressesprecher werkenden »profunden Kenners marxistischer Literatur« Karl Heinz Grünsteidl, hat Rosenkranz ein stellenweise durchaus interessant zu lesendes Konvolut an Material zusammengetragen.
Sieht man von manch voreiligem Werturteil ab, könnte das zweite Kapitel wohl als allgemeine Einführung zum gender-Begriff dienen: Rosenkranz und ihre Getreuen arbeiten sich mit durchaus heißem Bemühen an Judith Butler und Co ab. Ebenso interessant bleibt ihre Abhandlung über die Verwurzelung von Teilen der Frauenbewegung im Marxismus, scharfsichtig die Kritik an der Ökonomisierung aller Lebensbereiche (egal, ob in den Schriften der frühen Sozialdemokratie oder denen der Apologeten des totalen Marktes).
Im Folgenden allerdings wird es eher mühsam. Rosenkranz imaginiert eine direkte Linie von Marx/Engels über das sozialkonstruktivistische sex/gender-Modell und Butlers Kritik an der Prämisse der Zweigeschlechtlichkeit zum bürokratischen Kompromiss des Gender Mainstreaming. Wenn auch offensichtlich das soziale Geschlecht »gender« übernommen wurde, darf doch getrost bezweifelt werden, dass von EU-Organen und nationalen Regierungen dabei das von den Queer-Theorien propagierte lustvolle Spiel mit Geschlechterrollen und –identitäten gemeint war.
Aber selbst wenn, was wäre so schlimm daran? Eine klare Antwort auf diese Frage bleibt Rosenkranz schuldig, und doch schimmert sie zwischen den Zeilen hindurch: Sex hat der Fortpflanzung zu dienen. Homosexuelle und andere Akte, die nicht in der penilen Penetration einer Vagina kulminieren, sind gefährliche bolschewistische Verirrungen, die die »traditionelle« Familie zerstören.
Barbara Rosenkranz, »MenschInnen. Gender Mainstreaming – Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen«. Ares-Verlag, Graz, 2008. 168 Seiten, EUR 19,90.
Ärgerlich ist der zwischen wissenschaftlichem Anspruch und platter Propaganda changierende Ton des Buchs. Immer wieder bezieht sich Rosenkranz auf die österreichische und europäische Innenpolitik. Dabei vermeidet sie es aber konsequent, heimische Politikerinnen und Politiker beim Namen zu nennen. Anderswo kennt die FPÖ-Politikerin diese »Skrupel« nicht: Der deutsche Grüne Volker Beck wird ob eines zwanzig Jahre alten Textausschnitts der Unterstützung der Pädophilie bezichtigt, der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wird in der angehängten Kurzbiographie gar eine Nähe zum linken Terrorismus unterstellt – weil eine ehemalige EMMA-Redakteurin diesbezüglich verurteilt wurde.
Da verwundert es dann wenig, dass Rosenkranz zur Widerlegung ihr nicht genehmer Thesen fast ausschließlich zwei oder drei Journalisten zitiert – Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und Junge Freiheit scheinen zu ihrer Lieblingslektüre zu gehören. Wissenschaftliche Referenzen zum eingangs erwähnten Zweck sind im ganzen Buch Mangelware. Auf die in anderen europäischen Ländern mit weniger konservativem Familien- und Frauenbild wesentlich höhere Geburtenrate geht Rosenkranz nur anekdotisch am Beispiel Frankreichs ein. An Kinderbetreuungseinrichtungen und dergleichen Firlefanz liege es nicht, vielmehr sei die Geburtenrate eine reine Einstellungsfrage: »Die französische Elite liebt Frankreich«. Na dann!