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Fünf Jahre lang hatten Tool sich in ihrem Werkzeugschuppen verkrochen. Hie und da streckte der eine oder andere der vier Herren die bleiche Nasenspitze aus der Tür, um ein obskures Sideprojekt zu starten, sich mit den verehrten Vorbildern von King Crimson zu beraten oder kurz zu überprüfen, ob die allgemeine Weltlage noch mit dem Konzept des werdenden Albums konform geht.
Naseweis im eigentlichen Sinn waren sie nach 16 Jahren im »Geschäft« geworden und stellten es den ungeduldig wartenden Musikjunkies frei, sich zwischenzeitlich nach Alternativen umzuhören. Mit »10,000 Days« sollte es Tool wohl gelingen, alle verirrten Schäfchen erneut um sich zu scharen.
Sich rar machen bedeutet, sich interessant zu machen. In Abwesenheit der Band verdichtete sich der mysteriöse Nimbus, der Tool seit jeher umgab und machte Promotion überflüssig. Die Gerüchte, die sich vorab um das neue Album rankten, reichten aus, um im Gespräch zu bleiben. Sänger und Ersatzerlöserfigur Maynard James Keenan sei in religiösen Wahn verfallen und habe einen Weinberg erstanden, um fortan – wie Jesus einst im Olivenhain – zwischen den reifen Reben zu wandeln. »10,000 Days« sei nicht das neue Tool-Album, sondern lediglich eine Finte, um den zappelnden Musikjunkie an der verkrusteten Nase herumzuführen. Erst am magischen Datum des 6. 6. 2006 solle die wahre Offenbarung stattfinden
Wer sich für Numerologie nicht begeistern kann und keine teuren Weine aus Arizona importieren will, sollte sein Geld ruhig in »10,000 Days« investieren. Alle treuen Apostel wird es freuen, dass Tool sich weiter ausschließlich auf musikalische Experimente konzentrieren und dadurch ihren eigenständigen Stil bewahren. Gitarrist Adam Jones hat nach Rücksprache mit den Progressive Rock-Überlebenden von King Crimson seine Effektpalette merklich aufgestockt, Drum-Professor Danny Carey trifft den Takt mathematisch exakt, Sänger Maynard präsentiert die lyrische Geschichte rund um einen überforderten modernen Messias mit Inbrunst und Bassist Justin Chancellor hat die Töne, die tiefen und massiven.
Und der bescheidene Rat an potentielle Neo-Fans – nehmt euch die Zeit, Tool zu entdecken. Neugierde und Forschungsdrang sollen ja zu den Grundeigenschaften des Menschen zählen. Apropos gut gemeinte Ratschläge: die beiliegenden optischen Linsen stets mit Vorsicht benutzen – wer will schon gerne schielen wie Clarence der Löwe?