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Liebe PLUS.Punkt Leser und Leserinnen!
Statt „Liebesgrüße(n) aus Moskau“ schicke ich euch „Liebe Grüße aus Omsk“. Genauer gesagt, aus der dritten Etage des Studierendenheimes in der Krasnogvardejskaja Straße 4 im Zentrum von Omsk/Sibirien, der mit 1,5 Millionen Einwohnern achtgrößten Stadt Russlands. Sibirien, wo es im Winter schon mal um die -30 Grad haben kann, zeigt sich momentan noch von seiner herbstlichen Seite. Die gelb-orange-roten Blätter fallen von den Bäumen, die Nächte werden kürzer, der Wind stärker, die Temperaturen wandern langsam ins Minus. Im Gegensatz zu Österreich hat es hier jedoch noch nicht geschneit, was, wenn man der russischen Bauernregeln Glauben schenken darf, bedeutet, dass der Winter sehr kalt und relativ schneearm werden wird.
Ein paar von euch wissen wahrscheinlich, dass ich am 25.Juli gemeinsam mit meiner lieben KUWI Kollegin Dani gegen Osten geflogen bin. Fünf – aufgrund der zumeist zu Fuß zurückgelegten Strecken – muskelkaterreiche Tage verbrachten wir in St. Petersburg, der unbestrittenen Kulturhauptstadt Russlands. Wer schon mal „weiße Nächte“ erlebt hat, wird verstehen, wie seltsam es für uns war, um zwei Uhr nachts bei Tageslicht schlafen zu gehen.
Achtundvierzig Stunden Zugfahrt von „Piter“ nach Omsk, im Großraumabteil gemeinsam mit 52 Russen, die zwei Tage lang sonnenblumenkern- und räucherfischessend, bier- und teetrinkend, kartenspielend, telefonierend, schlafend und wartend vor-sich-hin-transpirieren, werden mir immer im Gedächtnis bleiben. Der Zug wird zum Zuhause, man lernt wackelfreies Pinkeln, das „Kochen“ von Fertigprodukten mit heißem Wasser aus dem Samowar, das Schlafen, Sitzen, Umziehen und Essen in einem etwa 60cm hohen Schlafbereich und die unbeschreibliche russische Gastfreundschaft kennen. Nach mittlerweile sechs Fahrten haben wir uns die meisten Tricks zum komfortablen Reisen von den Russen abgeschaut und unsere liebe ÖBB schon fast vergessen.
Im August besuchten wir hier in Omsk die Sommerschule: Drei Wochen lang Russischunterricht mit Deutschen, Chinesen, Koreanern, Italienern, Thailändern, Franzosen, einem Japaner, einem Schweizer, einer Ungarin, einer Slowenin und einer Bulgarin (ich hoffe, dass ich jetzt keine Nation vergessen habe) – Kulturaustausch vom Feinsten, der oft bis spät in der Nacht fortgesetzt wurde. Das russische BiB organisierte Exkursionen in Omsker Museen, ins Sibirische Kulturzentrum, in die russische Telekom und in eine Mineralwasserfabrik (das Wasser ist jedoch salzig und macht somit erst richtig durstig). Im September begann für uns die Uni mit zwanzig Wochenstunden Sprachunterricht (inklusive unfreiwilligem, aber lustigem Gesangsunterricht) mit insgesamt fünf Lehrerinnen und acht Mitstudierenden.
Das Leben im Wohnheim ist ein Traum für jede/n Kulturwissenschaftler/in. Bevor man es schafft das russische Wort für Sehenswürdigkeit (достопримечательностъ) stotterfrei auszusprechen, kann man auf Chinesisch „Wie bitte?“, „gut/schlecht“ und „Was heißt das?“ fragen, Liebeserklärungen auf Mongolisch machen („Bi tschamd härtää!“), auf Japanisch „Prost“ sagen, afrikanische Lieder singen, Postkarten auf Thailändisch interpretieren, koreanische Kimchi zubereiten und theoretisch Kasachisch kochen. Hier wird größtenteils mit Stäbchen gekocht und gegessen (wobei Chinesen die ganz anders halten als die Japaner), mit mongolischen Mädels eingekauft und über Männer philosophiert (die wohl in jedem Land der Welt gleichermaßen kompliziert sind), mit Japanern Glühwein und gebackene Champignons gegessen, mit Turkmenen über die Vor- und Nachteile von Gratistreibstoff diskutiert und mit Thailänderinnen Kitzelkämpfe ausgeführt.
Auch der Kontakt mit Russen bleibt nicht auf der Strecke, manchmal sogar mehr als einem lieb ist, zum Beispiel im Gratisautobus zum Einkaufszentrum oder in überfüllten russischen Postämtern. In den meisten Fällen sind die Russen jedoch sehr gastfreundlich, redefreudig und hilfsbereit. Unsere russischen Freunde nehmen uns ins Kino und in Restaurants mit, zeigen uns „ihr“ Omsk und stellen sicher, dass wir auch ausreichend Schimpfwörter beherrschen. Da ich weiß, dass sich ein PLUS Mitglied besonders für die russische Damenwelt interessiert, muss ich auch darüber noch ein paar Worte verlieren. Noch nie habe ich so viele kurze Röcke, lange Haare, hochhackige Schuhe und Lippenstiftmengen auf einem einzelnen zierlichen Frauenkörper gesehen. Oft kommt man in den Toiletten gar nicht zu den Waschbecken, vor lauter sich vor den Spiegeln drehenden Russinnen. Wir nehmen es mit Humor und gehen unbewusst aufrechter als daheim.
Ich könnte noch sehr viele Seiten lang weiterschreiben über das russische Essen (Mayonnaise in jedem Salat), russische Hochzeiten (Es ist keine Seltenheit freitags zwanzig Bräute in einer Stunde zu sehen.), die Geschäfte und Märkte, Kwas, Marschrutkas und Vodka (ja, ich hab‘s tatsächlich geschafft, das Nationalgetränk erst jetzt zu erwähnen), gehe jetzt jedoch leider mit einem jungen Geschichtelehrer aus Usbekistan und einer rastazopftragenden Kongolesin Schuhe kaufen und nach dieser anstrengenden Tätigkeit zur Erholung in die russische Banja:)