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Über Internet-Beziehungen wird ebenso handwerklich fundierte wie schnarchlangweilige kommunikationswissenschaftliche Meterware produziert – um jene zu quälen, die meinen, Publizistik studieren zu müssen. Daniel Glattauer hat hingegen einen Roman darüber geschrieben, einen E-Mail-Roman. Das macht einen Unterschied. Und was für einen.
Emmi Rother will per Mail eine drittklassige Lifestyle-Postille abbestellen. Beim ersten Versuch freundlich, beim zweiten wenigstens noch höflich. Beim dritten Veruch antwortet ihr ein gewisser Leo Leike: Die Adresse sei «privat” – durch einen Tippfehler ist die Kündigungsmail fälschlicherweise in seinem Postkasten gelandet. Missverständnis, *tutleid*, ;).
Die Sache wäre erledigt, würde Leo nicht nach mehreren Monaten Sendepause eine Weihnachts-Mail bekommen, weil seine Adresse irrtümlich in Emmis Adressverzeichnis gerutscht ist. Leo antwortet erneut, grantig, weil ihn (was wir genauso wie Emma erst später erfahren) gerade seine Freundin in die Wüste geschickt hat. Die Geschichte kann beginnen, es entsteht eine rasch an Intensität gewinnende E-Mail-Beziehung, die beide immer mehr in ihren verbalerotischen Bann zieht. Schon bald bekennt Emma: «Ich bin süchtig nach Mails von Leo.” Bloß: Die mailsüchtige Frau ist verheiratet (und als wäre das noch nicht schlimm genug: glücklich verheiratet). Leo und Emma schrecken vor einem «richtigen” Treffen immer wieder zurück – mit gutem Grund.
Die Form des Romans – er ist nur in E-Mails zwischen Leo und Emma verfasst (ihr Gatte hat zwei unrühmliche Gastauftritte) – ist raffiniert aber nicht neu. Schon Ende des 18. Jahrhunderts hat Choderlos des Laclos mit dem Briefroman «Gefährliche Liebschaften” einen (schwer zu empfehlenden) Meilenstein der erotischen Literatur des späten 18. Jahrhunderts vorgegeben. In dessen Tradition schreibt sich denn auch Glattauer: Spielerisch verteilt er Laclos-Duftnoten. Dass er von der Kritik an Laclos gemessen wird, muss er in Kauf nehmen. Dass er dabei nur verlieren kann, ebenso. Mon dieu, wer zum Teufel ist schon Daniel Glattauer im Vergleich zu Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos? Andererseits, lieber Herr Glattauer: Kopf hoch, reden wir in zweihundert Jahren weiter.